16. Juni 2016

 

BGH bestätigt Verurteilung einer Hebamme wegen Totschlags durch Unterlassen

 

Der Bundesgerichtshof hat mit Beschluss vom 11. Mai 2016 (Az. 4 StR 428/15) die Revision einer Hebamme und approbierten Ärztin gegen das Urteil des Landgerichts Dortmund vom 1. Oktober 2014 (Az. 37 Ks 3/11) verworfen. Das Urteil ist damit rechtskräftig.

 

Das Landgericht Dortmund hatte die 62-jährige Angeklagte wegen Totschlags durch Unterlassen zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und neun Monaten verurteilt. Außerdem hatte es gegen die Angeklagte ein lebenslanges Berufsverbot als Ärztin und Hebamme verhängt und eine Adhäsionsentscheidung zu Gunsten der Eltern des Tatopfers getroffen.

 

Nach den Feststellungen des Landgerichts hatte die Angeklagte bereits im Rahmen ihrer Ausbildung zur Hebamme große Vorbehalte und Bedenken gegen die klinische Geburtshilfe entwickelt, welche sie gegenüber Hebammen als kasernenmäßig und hierarchisch und gegenüber den gebärenden Frauen als wenig einfühlsam und grob empfand. Seit dieser Zeit orientierte sie sich zur originären Geburtshilfe im häuslichen Umfeld.

 

Nach der anschließenden Absolvierung ihres Medizinstudiums betrieb die Angeklagte eine Hebammen- und Arztpraxis für Eltern und Kinder. Sie führte als Hebamme zunehmend Haus- und Praxisgeburten durch. Als Lehrhebamme und Autorin verschiedener Fachartikel verfocht sie in besonderer Weise die Vorteile der Hausgeburt im Gegensatz zur Entbindung in der Klinik und bezeichnete sich selbst als Spezialistin für Beckenendlagen.

 

Im Jahr 2008 hatte sie die Betreuung der schwangeren Nebenklägerin übernommen, bei der eine Beckenendlage des Kindes festgestellt worden war.

 

Beim Vorliegen einer solchen Lageanomalie, bei der nicht der Kopf, sondern das Beckenende des ungeborenen Kindes bei der Geburt vorangeht, treten deutlich häufiger Komplikationen und gegebenenfalls die Erforderlichkeit eines Notkaiserschnitts auf.

 

Nach § 2 der Berufsordnung für Hebammen und Entbindungspfleger NRW (HebBO NRW) sind diese verpflichtet, ihren Beruf entsprechend dem jeweiligen Standard der medizinischen, psychologischen, soziologischen und geburtshilflichen Erkenntnisse gewissenhaft auszuüben, sich über die für die Berufsordnung geltenden Vorschriften zu unterrichten und diese zu beachten. Danach ist die Durchführung von Normalgeburten bei Schädellage eine im Rahmen dieser Aufgaben ausgeführte Tätigkeit. Die Durchführung von sog. Risikogeburten - wie etwa Beckenendlagengeburten – ist nur in Dringlichkeitsfällen, d.h. soweit das rechtzeitige Aufsuchen einer Klinik infolge überraschenden Einsetzens der Geburtswehen oder der Feststellung erst im Rahmen des fortgeschrittenen Geburtsverlaufs nicht mehr möglich ist, zulässig.

 

Obwohl die Angeklagte dies nach den Feststellungen des Landgerichts wusste, riet sie den Eltern aufgrund des von ihr verfolgten Entbindungskonzepts einer "natürlichen Geburt" unter Verharmlosung der Geburtsrisiken uneingeschränkt zu einer Hausgeburt.

 

Dies, obwohl die Eltern der Angeklagten zuvor deutlich gemacht hatten, trotz der gewünschten außerklinischen Geburt kein Risiko für das Kind eingehen zu wollen und bei Komplikationen auch mit einem Kaiserschnitt einverstanden zu sein.

 

Schließlich erfolgte die Hausgeburt in einem Hotelzimmer in der Nähe der Praxis der Angeklagten.

 

Obwohl die Angeklagte von der Kindsmutter eine Stunde nach dem Fruchtblasensprung vom Beginn der Geburt benachrichtigt worden war, suchte sie die Eltern erst auf, als die Wehen bereits fast 12 Stunden andauerten. Als sich die Geburt auch nach dem Eintreffen der Angeklagten weiterhin verzögerte und es zum Geburtsstillstand kam, weshalb sich die Gefahr einer lebensgefährlichen Sauerstoffmangelversorgung des Kindes stetig vergrößerte, veranlasste die Angeklagte in Kenntnis der Gefahr für das Leben des Kindes nicht die Beendigung der außerklinischen Geburt und die Verlegung in ein nahe gelegenes Krankenhaus.

 

Das Kind wurde nach insgesamt 18-stündigem Geburtsvorgang schließlich aufgrund Sauerstoffmangels unter der Geburt sterbend geboren und verstarb kurz nach der Geburt.

 

Hätte die Angeklagte noch bis vier Stunden vor der Geburt die Verlegung der Kindsmutter in ein Krankenhaus veranlasst, so wäre das Kind durch einen Kaiserschnitt lebend und gesund geboren worden. Selbst wenn eine solche Maßnahme erst eineinhalb Stunden vor der Geburt ergriffen worden wäre, hätte das Leben des Kindes noch gerettet werden können.

 

All dies war der Angeklagten nach dem Urteil des Landgerichts Dortmund bewusst.

 

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